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Der globalisierte Schein. Zeichen und ihre Entzifferung in Guy Tournayes Le Décodeur


Am 4. Juli 2002 wird auf Anweisung des FBI eine Website im World wide web geschlossen. Es handelt sich um die Website einer bekannten und beliebten amerikanischen TV-Serie, Street Hassle. Die genannte Serie, eine Krimireihe, stellte auf dieser Site begleitend zur Ausstrahlung ihrer Sendungen zusätzliches Material bereit und bot dort außerdem einen Chatroom an, in dem beliebige anonyme Beiträger sich über die in der Serie gezeigten Fälle austauschen und sich, parallel zur Arbeit des TV-Detektivs, an der Lösung und Aufklärung des Falls versuchen konnten. Die plötzliche Schließung der Website durch das FBI löste allgemein Überraschung und Empörung aus. Warum sollte eine so harmlose und unterhaltsame Website wie Street Hassle verboten werden? Als man nach Gründen für die Schließung fragte, erhielt man von offizieller Seite folgende Auskunft: Auf der betreffenden Site seien versteckte Nachrichten gefunden worden, die mit den Aktivitäten gewisser terroristischer Organisationen in Verbindung stünden.


Um es gleich vorauszuschicken: Die TV-Serie Street Hassle und ihre umstrittene Website hat es nie gegeben - ebenso wenig den skandalösen Akt ihrer Schließung, von dem die Rede war. Die ganze Geschichte ist eine Finte, oder besser: eine literarische Fiktion, die Guy Tournaye in seinem Roman Le Décodeur („Der Entzifferer")1 zum Anlass nimmt, um die detektivische Rekonstruktion dieser erfundenen Website als beispielhafte Fallgeschichte über den Umgang mit verborgener, verschlüsselter Information in der aktuellen, globalisierten Medienwelt vorzuführen.

Schon der Einsatz des gewählten Beispielfalls sagt dabei, auch wenn es ein erfundener, nur fiktiver ist, etwas Interessantes aus über die Bedingungen und Möglichkeiten von Kommunikation in der heutigen Welt. Man könnte ja - wenn immer wieder von Begriffen wie ‚Weltgesellschaft', ‚Informationsgesellschaft' und ‚globales Dorf' die Rede ist - den Eindruck gewinnen, als sei heutzutage prinzipiell alle Information weltweit zugänglich und allgegenwärtig. Dass dies so nicht stimmt, kann man sich leicht bewusst machen, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Weltbevölkerung zu den großen globalen Medien wie Internet, Rundfunk, Fernsehen trotz deren theoretisch weltweiter Verbreitung keinen oder nur sehr begrenzten Zugang besitzt. Doch auch in anderer Hinsicht, auch für diejenigen Mitglieder der Weltgesellschaft, die grundsätzlich an jenen globalen Medien partizipieren können, trifft die Vorstellung der prinzipiell unbegrenzten, freien und offenen Verfügbarkeit aller Information nicht zu. Der von Tournaye simulierte Beispielfall lässt auf eindrucksvolle Weise deutlich werden, dass auch hier - im Blick auf diesen privilegierten Nutzerkreis - Mechanismen wirksam werden, die das, was als Information wahrgenommen, gelesen und verstanden werden kann, empfindlich einschränken. Parallel zu den modernen Tendenzen zur Ausweitung und Öffnung von Kommunikation durch weltweite Medien machen sich, gewissermaßen auf deren Kehrseite, Formen der Verknappung und Begrenzung von Kommunikation bemerkbar, die möglicherweise einschneidender, gravierender sind als die alten, in vordigitaler Zeit wirkenden Grenzen von Raum und Zeit. Das Verbot der Website, das Tournaye imaginiert, ist offensichtlich eine solche Verknappungsfigur: Eine Site und die in ihr enthaltenen Informationen werden für die Benutzer blockiert, unlesbar gemacht, gleichsam ausgelöscht. Doch nicht nur die politisch verordnete Schließung der Webseite markiert eine Restriktion - auch das, worauf diese Verordnung antwortet, das, was auf der Gegenseite dieses Verbot provoziert, beruht auf einem, wenngleich auf andere, subtilere Weise verfahrenden Modus der Verknappung von Information. Denn, folgt man den eingangs geäußerten Mutmaßungen, könnte die fragliche Website zur Agentur einer geheimen Kommunikation geworden sein, die für den gewöhnlichen, naiven Besucher unsichtbar bleibt. Das globale Netz ist somit, so zeigt das einleitende Szenario von Tournayes Buch, weder ein unbeschränktes, in allen Punkten zugängliches Feld, noch handelt es sich um ein neutrales Medium der Verbreitung und Bereitstellung von Wissen und Information. Das Feld moderner globaler Kommunikation ist vielmehr, darauf deutet Tournayes Einsatz, ein umstrittenes und umkämpftes. Nicht zufällig vollzieht sich die Ausgangsfigur von Tournayes Erzählung nach dem Muster von Zug und Gegenzug. Die Schließung der Site ist Antwort und Replik auf die vermutete Geheimtechnik. In der hier erkennbaren Doppelfigur steckt indessen noch eine weitere Komplementarität. Die Gegenmaßnahme, die man Tournayes Bericht zufolge von offizieller Seite ergreift, reagiert ja nicht auf einen Tatbestand oder ein gegebenes Ereignis, sondern auf eine Vermutung, eine Unterstellung, einen Verdacht. Hierin äußert sich ein weiterer, entscheidender Aspekt der Globalisierung von Information, der nähere Aufmerksamkeit verdient. Die Formel des global village meint ja zunächst, dass Kommunikationen theoretisch weltweit verbreitet und überall zugänglich sein können und dass, parallel dazu, auch die Techniken des Geheimen ebenso weitreichend, umfassend und schnell operieren können. Globalisierung bedeutet jedoch, wie sich nun zeigt, noch etwas anderes: Sie impliziert, als Kehrseite der nunmehr allgegenwärtigen Möglichkeiten des Camouflage, eine Universalisierung des Verdachts. Letzterer muss nun, um seine Wirkung zu erzielen, das gesamte Feld der Kommunikation ins Visier nehmen. Denn nicht nur an bestimmten, sensiblen Orten, sondern überall, in der Gesamtheit des Web, können nun, wie man annehmen muss, verdächtige, gefährliche oder feindliche Nachrichten lauern.

 


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