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Michel Houellebecqs Grenzüberschreitungen zwischen Philosophie und poetischer Fiktion.

Von der Lovecraft-Studie zur Romanfiktion Les particules élémentaires


1. Gegenwelten des Fiktiven. Vom gotischen Entsetzen zum genetischen Experiment „Für einen denkenden Menschen gibt es nichts Sicheres, nichts Normales, nichts Natürliches."

«Le bricolage pris dans son sens le plus étendu, peut offrir une voie. Mais rien en vérité ne peut empêcher le retour de plus en plus fréquent de ces moments où votre absolue solitude, la sensation de l'universelle vacuité, le pressentiment que votre existence se rapproche d'un désastre douloureux...»

„Wer das Leben liebt, liest nicht. Und geht erst recht nicht ins Kino." Wer mit sich selbst und seinem Leben zufrieden ist, schreibt keine Romane. So lautet die lapidare Einsicht, die der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq seiner Studie über den Außenseiter Howard Phillips Lovecraft aus dem Jahr 1991 programmatisch voranstellt. Die Lektüre und das Empfinden einer gleichsam existenziellen Notwendigkeit zu schreiben erweisen die Leser und den Autor als Komplizen, als geheime Bundesgenossen in einer Wendung „gegen das Leben, gegen die Welt", wie der Untertitel jener ersten Monographie Houellebecqs über den wahlverwandten Autor Howard Phillips Lovecraft, den die Zeitgenossen als ‚Einsiedler von Providence' bezeichnet haben, programmatisch lautet. Autor und Leser erfahren sich überraschend als Verbündete, die sich gegen die wahrgenommene Trivialität des Daseins verschworen haben. Sie sind, vielleicht ohne es selbst zu ahnen, verbunden im poetischen Widerstand gegen die Monotonie und Banalität einer meist langweiligen empirischen Wirklichkeit, deren erdrückender Wirkung durch Ausflüge in die Phantasie und ins Gedankenexperiment oder durch gewagte Zukunftsprojektionen, sei es in der wissenschaftlichen Hypothesenbildung oder im genetischen Laborversuch, immer nur zeitweilig zu entrinnen ist.

Jene erste Buchpublikation Houellebecqs bietet bei genauerer Betrachtung in der Tat einen Schlüssel zum Verständnis des schwierigen Romanwerks des französischen Autors, zumal sie eine intensive fast philosophisch zu nennende Auseinandersetzung mit Leben und Werk des amerikanischen Schriftstellers Lovecraft darstellt, die sich der Gattung Autorenbiographie nur als einer oberflächlichen Maske bedient. Bei Lovecraft handelt es sich bekanntlich um einen berühmten Autor phantastischer und unheimlicher Erzählungen in der Nachfolge Edgar Allan Poes, er gilt nicht zu Unrecht als Meister der gothic tradition und als Erfinder einer eigenen Mythologie, wie sie sich vor allem in den Gestalten des Cthullu-Mythos manifestiert. Darüber hinaus hat sich Lovecraft mit dem kosmischen Grauen auch in philosophischer Manier beschäftigt. Er notierte folgende Reflexionen über die Grenzen der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten und das verborgene Grauenhafte im kosmischen Unendlichen: „The most merciful thing in the world ... is the inability of the human mind to correlate all its contents. We live on a placid island of ignorance in the midst of black seas of infinity, and it was not meant that we should voyage far."

Weiter heißt es bei Lovecraft über die Rolle der Wissenschaften und die problematische Bedeutung einer wachsenden szientifischen Einsicht in die universalen Zusammenhänge: "Die Wissenschaften, von denen jede in ihre Richtung zerrt, haben uns bislang wenig Schaden zugefügt: doch wenn eines Tages das gewonnene Wissen zusammengefügt wird, dann werden sich so erschreckende Einblicke in die Realität und unsere beängstigende Position in ihr auftun, dass wir angesichts des Offenbarten entweder wahnsinnig werden oder uns vor der tödlichen Helligkeit in den Frieden und die Sicherheit eines neuen dunklen Zeitalters flüchten." (185-186) In den Werken Lovecrafts konnte Houellebecq den konsequenten Entwurf einer anthropofugalen Weltanschauung finden, wie sie für den Ausgang seines zweiten Romans Les particules élémentaires (1998) richtungweisend werden sollte.

Was verbindet nun zwei auf den ersten Blick so unterschiedliche Autoren wie Lovecraft und Houellebecq, die mehr als ein halbes Jahrhundert und die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs voneinander trennt?

 


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