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Der Film als Kryptogramm - THE DA VINCI CODE.

Zur Dechiffrierung des Geheimen zwischen Mythos und Profanierung....


Dan Browns 2003 publizierter Bestsellerroman The Da Vinci Code erregte in den Medien einiges Aufsehen und löste eine heftige Kontroverse aus. Letztere war vorwiegend durch den Umstand bedingt, dass einige Romanfiguren in Dan Browns Text die These vertreten, Jesus und Maria Magdalena seien ein Liebespaar gewesen, die von Seiten konservativer Christen ungeachtet der fiktionalen Qualität des Werks als blasphemisch empfunden wurde. Ron Howards Verfilmung von Dan Browns Roman The Da Vinci Code hat die ambivalente Popularität des Buchs und die öffentliche Diskussion sicher noch gesteigert und von der Präsenz des Autors und Textes in der Presse und der Öffentlichkeit profitiert.


Oberflächlich betrachtet handelt es sich um die Verfilmung eines Thrillers, die jedoch bei genauerem Hinsehen eine interessante meta-semiotische und meta-mediale Ebene enthält. Der zum typischen Gattungsbild gehörende Mord wird auf geschickte Weise mit Decodierungsaufgaben verbunden - die Flucht der Verdächtigen, die auf der Suche nach dem wahren Mörder sind, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Rätselspiel, innerhalb dessen es die geheimen Zeichen in den Gemälden Leonardo da Vincis sowie diverse Kryptogramme und geheime Botschaften zu entziffern gilt.

Brown und Howard greifen mit ihren fiktiven Konstrukten - sei es bewusst oder unbewusst - auf eine ältere Tradition der hermetischen Literatur und der Auffassung von der Zeichenhaftigkeit der Welt zurück, die in der frühen Neuzeit verbreitet war (Paracelsus, Tesauro, Gracián) und in The Da Vinci Code über die Schnittstelle Leonardo da Vincis vermittelt war.

Durch die intermediale Konstellation im Film wird die semiotische Beobachtung besonders akzentuiert und gefördert, die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird in potenzierter Form auf die Zeichengenese und die Zeichenlektüre gelenkt. Es lässt sich nämlich feststellen, dass hier die semiotische Reflexion und Selbstreflexion im Vergleich zu anderen Hollywood-Filmen gesteigert und überboten wird, was auch die Titelwahl in der englischen Originalfassung, die in der deutschen Version wie schon bei der Romanübertragung wohl aus marktstrategischen Erwägungen durch Sakrileg ersetzt wurde, deutlich zu erkennen gibt.

In The Da Vinci Code kommt es bezeichnenderweise zu einer Engführung und Potenzierung jener Reflexionen auf verschiedenartige Zeichensysteme, wie sie auch in anderen neuren Filmen, etwa denjenigen Peter Greenaways, zu beobachten sind. Dabei muss offen bleiben, ob es sich bei den vorhandenen Anknüpfungspunkten um unbewusste Übereinstimmungen oder gezielte Referenzen bzw. Filmzitate handelt. Zwar lenkt bereits die Romanfiktion selbst die Aufmerksamkeit der Leser auf jene semiotische Ebene, aber es lässt sich deutlich erkennen, dass die Fokussierung der Zeichendimension und die semiotische Reflexion in der filmischen Realisation erheblich verstärkt werden.

In The Da Vinci Code wird gleich eingangs bei der Darstellung des Mordes von Jacques Saunière die Verwendung des menschlichen Körpers als materieller Träger von Schriftzeichen, wie sie aus Peter Greenaways The Pillow Book vertraut ist, wieder aufgegriffen und in spezifischer Hinsicht modifiziert. Diente sie bei Greenaway neben der Selbstreflexion der konkret-materiellen Signifikantenstruktur einer Intensivierung der erotischen Dimension und einer Konturierung des Körpers der Frau als Objekt einer auch sexuell konnotierten Einschreibung, so erhält sie in The da Vinci Code eher einen makaberen Akzent, der dem Genre des Thrillers entspricht. Insofern Jacques Saunière die geheime Botschaft mit dem eigenen Blut auf dem Boden des Louvre fixiert und kurz vor seinem Tod noch die Haltung von Leonardo Da Vincis ‚Vitruvian man' einnimmt, instrumentalisiert er seinen Körper als Träger eines zeichenhaften Signals und versucht ihn in eine komplexe Schrift-Bild-Gestalt zu verwandeln. Während die Leiche sich als Bildzitat der berühmten Zeichnung Leonardos zu erkennen gibt, sind die Textzeichen anagrammatisch verschlüsselt und bedürfen einer subtilen und sorgfältigen Entzifferung. Zudem antizipiert Saunière seine prospektiven Rezipienten, insofern er nicht zu Unrecht vermutet, dass im Laufe der polizeilichen Ermittlungen der in Paris weilende Symbolforscher Professor Robert Langdon und seine Nichte Sophie Neveu mit der Entschlüsselung des Codes beauftragt würden.

 


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