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Edition einer Nibelungen-Parodie von Marie-Luise Wolfskehl aus dem Jahr 1929

hrsg. von Annette Simonis in Zusammenarbeit mit Lorenz Grolig und Katja Weimer
(Uraufführung an der Universität Gießen im Dezember 1929)


Editorische Notiz

Marie Luise Wolfskehl, die Nichte des Dichters Karl Wolfskehl, verfasste während ihrer Studienzeit an der Universität Gießen eine Parodie auf das Nibelungenlied, ein Drama in 12 Akten, das im Dezember 1929 an der Universität Gießen uraufgeführt wurde. Ihre Mitstreiter bei diesem Werk waren einige studentische Mitautoren, deren Namen im Manuskript erwähnt werden (s.u.). Allerdings stammt das Stück hauptsächlich aus der Feder Marie-Luise Wolfskehls, wie ein Brief von einem Freund (Hans Gerhard) an die Autorin aus dem Jahr 1974 verrät.

Biographische Notiz

Marie Luise Wolfskehl wurde am 20.5.1900 in Darmstadt als älteste Tochter des dortigen Regierungsbaumeisters Eduard Wolfskehl geboren, der ein Bruder des Dichters Karl Wolfskehl war. Sie verbrachte eine glückliche Kindheit in ihrer Heimatstadt, wo sie auch die Viktoriaschule besuchte. Nach dem Abitur entschied sie sich zunächst für eine Ausbildung zur Gärtnerin. Jene machte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Fanny Wolfskehl, die als Bildhauerin bekannt wurde, an der Gartenbauschule Würzler in Zwingenberg an der Bergstraße. Danach studierte sie die Fächerkombination Englisch, Deutsch und Französisch an den Universitäten Frankfurt, Genf, Berlin und Gießen. In Gießen absolvierte sie ihr Staatsexamen und promovierte dort 1933 bei Professor Karl Vietor mit dem Thema "Die Jesusminne in der Lyrik des deutschen Barock". Im selben Jahr erhielt sie eine Einladung nach Hartford Connecticut, USA und ein Stipendium am dortigen theologischen Seminar. Während der Nazizeit lebte und lehrte sie in den USA und kehrte erst 1967 als emeritierte Dozentin nach Deutschland und an ihren Geburtsort Darmstadt zurück. Sie starb am 30.3.1991.

Die Nibelungenparodie, die, soweit uns bekannt ist, zuvor noch nicht publiziert wurde, ist in mehrfacher Hinsicht von besonderem Interesse: zum einen als ein literarisches Debüt einer weiblichen Autorin und angehenden jungen Wissenschaftlerin Ende der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, zum anderen als interessantes und aufschlussreiches Zeitzeugnis. So finden sich an mehreren Stellen Anzeichen einer Ironisierung des heroischen Männlichkeitsideals der Nibelungen und einer Entlarvung des germanischen Heldentums, parodistische Akzente, die zur aufkommenden Rassenideologie um 1930 markant quer liegen. Zugleich werden in augenzwinkernder Kontaktaufnahme mit dem Zuschauer bzw. Leser Elemente aus dem damaligen studentischen Leben wie der Besuch des Kleist-Seminars oder die beliebte Freizeitgestaltung mit Paddelbootausflügen auf der Lahn integriert, die einen Einblick in das damalige studentische Leben bieten. Im Text fungieren sie zudem als humoristische anachronistische Momente, die immer wieder zum Schmunzeln verführen. Darüber hinaus erweist sich die Nibelungenparodie als ein dichtes intertextuelles Gewebe mit zahlreichen Anspielungen, versteckten intertextuellen Referenzen und wörtlichen Zitaten aus den Opern Richard Wagners sowie Werken von Heinrich von Kleist, Adelbert von Chamisso und anderen Vertretern der klassisch-romantischen Tradition.

Für die Übersendung der Dokumente von und über Marie-Luise Wolfskehl aus dem Nachlass von Otto Wolfskehl möchte ich an dieser Stelle Herrn Professor Dr. med Diethard Amelung ganz herzlich danken, der mich freundlicherweise auf die Wissenschaftlerin bzw. Autorin und ihr unveröffentlichtes Frühwerk aufmerksam gemacht hat.

Annette Simonis

DIE NIBELUNGEN

 

Parodie

gedichtet und

aufgeführt

von Mitgliedern

des Gießener

Germanischen Seminars

Weihnachten 1929

 

Unter den Dichtern:

 

M. L. Wolfskehl

R. L. Sior

H. J. Hauß

O. Rothermel

O. Mechler



Personen:

Gunther: O. Rothermel

Gernot: Triebert

Giselher: Gertrud Scheibel

Ute: Lore Wünzer

Kriemhild: Lotte Rausch

Hagen: Hans Stürz

Siegfried: Otto Knaus

Brunhild: Rilis Sior

Volker: Hans Gerhard

Etzel: Hans Joachim Hauß

Ortlieb: Hännes Walther

Ferge: Ferd. Enders

Conferencier: Otto Mechler

 

 


Bei Interesse finden Sie den Volltext des Artikels als PDF-Datei im Download-Fenster auf der rechten Seite.