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Ein literarischer Quantensprung

"Hip, hop" oder das neue Denken der Quantentheorie bei Hermann Broch und Jean-Philippe Toussaint.


Die Debatte um die "Zwei Kulturen"

No, I intend something serious. I believe the intellectual life of the whole of western society is increasingly being split into two polar groups. [...] Literary intellectuals at one pole - at the other scientists, and as the most representative, the physical scientists.

Betrachtet man die Wissenstradition der westlichen Welt und ihre Kultur, so scheint es, als ob diese in zwei gegensätzliche Pole aufgespaltet wäre, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben. Auf der einen Seite steht eine literarisch-geisteswissenschaftliche Intelligenz, der eine naturwissenschaftliche Intelligenz gegenübersteht. Diese vermeintliche kulturelle Dichotomie ist der Hintergrund, vor dem sich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Naturwissenschaft bewegt. Ihre deutlichste Formulierung findet die Opposition zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften in der Diskussion um die sogenannten "zwei Kulturen". Ihren Einsatz im 20 Jahrhundert nahm die "Zwei-Kulturen-Debatte" (im Rückgriff auf eine ältere Leitunterscheidung von Wilhelm Dilthey) im Jahr 1959 mit dem von Sir Charles P. Snow gehaltenen Vortrag The Two Cultures and the Scientific Revolution. In seinem Vortrag vertrat Snow die provozierende These, "daß die literarisch-geisteswissenschaftliche Intelligenz und die naturwissenschaftliche Intelligenz zwei grundverschiedene Kulturen innerhalb der westlichen Industriegesellschaft verkörperten". Des Weiteren warf Snow "den beiden Parteien eine wechselseitige Entfremdung, eine Kluft des Unverständnisses, der Gleichgültigkeit und der Aversion vor."  Der Vortrag von Snow rief kontroverse Reaktionen hervor und löste eine Debatte aus, die bis heute anhält.

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die kategorische Unterscheidung bzw. Gegenüberstellung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, und damit auch die Rede von den "Zwei Kulturen", alles andere als unproblematisch ist. Die Problematik ergibt sich vor allem deshalb, weil der Trennung der "zwei Kulturen" ein spezifisches Verständnis von Wissenschaft zugrunde liegt. Dieses Wissenschaftsverständnis ist jedoch keineswegs ahistorisch oder konstant, sondern trifft nur für einen bestimmten historischen Stand der Wissenschaft zu.  Genauso wie die Welt als Ganzes, hat auch die Wissenschaft im Laufe der Zeit eine Entwicklung durchlaufen. Dabei lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen den Veränderungen der Welt und den Veränderungen der Wissenschaft erkennen. "Wenn sich die Wissenschaft bewegt, bewegt sich auch die Welt. Die moderne Welt ist nicht zuletzt das Resultat der Arbeit der Wissenschaften; sie ist eine Welt, die Wissenschaft und in eins mit ihr die Technik gemacht haben." 

Die Unterscheidung der Disziplinen der Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften (bzw. Kulturwissenschaften) ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert. Diese Differenzierung wurde in erster Linie anhand der Objekte der verschiedenen Disziplinen vorgenommen.  Darüber hinaus spielten dabei aber auch die unterschiedlichen wissenschaftlichen Methoden und die Interessensausrichtungen eine nicht unerhebliche Rolle. Demzufolge haben die Naturwissenschaften das wirklich Wahrgenommene zum Objekt. Ihre Methode ist die Beobachtung bzw. das Experiment und ihr Ziel eine allgemeine Gesetzgebung. Die Geisteswissenschaften hingegen beziehen sich auf Objekte, die der Geist hervorgebracht hat. Sie untersuchen das menschliche Denken, Handeln und Schaffen in Bezug auf Historizität, Intentionalität sowie Normativität. Bei den Geisteswissenschaften steht die Einzelheit im Vordergrund, die Gesetzmäßigkeiten hingegen sind nur zweitrangig.

Dabei kommt der methodologischen Unterscheidung eine zentrale Bedeutung zu, denn die Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ist gleichzeitig auch die Abgrenzung zwischen erklärenden Wissenschaften und verstehenden Wissenschaften. Diese terminologische Unterscheidung findet sich erstmals bei Johann Gustav Droysen (Grundriß der Historik 1858). Die sich später daran anschließende sogenannte "Erklären-Verstehen-Kontroverse" setzt etwas später mit Wilhelm Dilthey ein, der die Unterscheidung von Droysen in seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883) wieder aufgreift. Die Dichotomie von Erklären und Verstehen als methodologische Begründung wird von da an zur terminologischen Grundlage der Unterscheidung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften.

Die Dichotomie zwischen den beiden wissenschaftlichen Gebieten führt aber auch zu erheblichen systematischen Schwierigkeiten, vor allem dann, wenn man sie als für alle Disziplinen gültig und kategorisch versteht. In diesem Fall ließen sich nämlich z.B. weder die Sozialwissenschaft noch die Mathematik als Disziplinen einer der beiden Seite zuordnen.

Ganz allgemein gefasst lässt sich das Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften je nach Fragestellung entweder als ein ontologischer oder ein methodologischer Monismus bzw. Dualismus verstehen. Es stellt sich vor dem skizzierten Hintergrund die Frage, ob Kunst und Literatur ein Erkenntniswert zugestanden werden kann und, wenn ja, welcher. Zu fragen wäre ferner inwieweit die Fiktionalität der Dichtung ein Hindernis oder möglicherweise eine Medium von (wissenschaftlicher) Erkenntnis sein kann.

Im Folgenden geht es darum, repräsentative Formen einer literarischen Auseinadersetzung mit der modernen Physik, genauer: mit der Quantentheorie, anhand von zwei ausgewählten Beispielen, näher zu beleuchten. Der erste Text, Brochs Roman Die Unbekannte Größe, ist kurz nach Entdeckung der Quantentheorie entstanden und steht ganz unter dem Eindruck der kontroversen Diskussionen um die neue physikalische Theorie und das aus ihr resultierende neue Weltbild. Der zweite Roman, Toussaints Monsieur, entsteht etwa 60 Jahre nach der Heisenbergschen Entdeckung - eine Distanz, die sich auch in der literarischen Wahrnehmung in der Romanfiktion äußert. Bevor die genannten Texte näher erläutert werden sollen, seien zunächst die Grundzüge der modernen Quantentheorie skizziert.

 

 


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