Komparatistik Online

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Rätsel-Texte und Rätsel-Bilder

Ästhetische Störungen in der deutschen und europäischen Lyrik der Frühen Neuzeit


1. Die Provokation des dunklen Stils

„Was kann nun das philosophirende Deutschland dafür, daß ihm Milton gleichfalls nicht schmecken will? Es sieht ohne Zweifel auch in diesem Engländer den lohensteinischen und zieglerischen Schwulst, die ungeheure Einbildung, die hochtrabenden Ausdrückungen und die unrichtige Urtheilskraft herrschen." (J. C. Gottsched)

In den oben zitierten Zeilen einer polemischen Rezension aus der Feder des klassizistischen Autors Johann Christoph Gottsched avanciert John Miltons Epos Paradise Lost - in der von Johann Jacob Bodmer besorgten deutschen Übersetzung - zum Stein des Anstoßes. Auslöser der Irritationen des Kritikers ist dabei weniger der Inhalt des epischen Werks als vielmehr sein latinisierter wort- und bilderreicher Stil, der sich als schwer zugänglich erweise. Literarische Qualität müsse, so Gottscheds Argumentation, aus sich heraus überzeugen und unmittelbar evident sein, ohne einen Vermittlungsprozess oder Interpreten zu benötigen:„Was wahrhaftig schön ist und die Leser einnehmen kann, das bedarf so wenig eines Herolds, als ein guter Wein eines ausgehangenen Kranzes." Mehr noch: In den Augen des Kritikers vermischt sich die wahrgenommene Störung, die von einem vermeintlich überladenen Stil, von den „hochtrabenden Ausdrückungen" ausgehe, mit Irritationsmomenten anderer Art, mit dem Vorwurf einer ausschweifenden Einbildungskraft und einer fehlenden oder irrigen Urteilskraft. Der rhetorische Überschuss wird mit dem Stigma einer verirrten Imagination und eines fehlenden Urteilsvermögens verbunden und daher nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch verurteilt. Die kunstvolle, figurenreiche Schreibweise gilt dem Kritiker nur mehr als Ausdruck verwerflicher Anmaßung und Hybris. Eine Bildersprache, die der Verstand nicht unmittelbar zu durchschauen vermag, muss in der Optik Gottscheds als Störfaktor aus der Dichtung eliminiert werden.

Gottscheds Polemik gegen eine vermeintlich überladene Rhetorik, die er im epischen Stil eines John Milton ebenso wie in den Werken der deutschen Barockdichter Daniel Casper von Lohenstein und Heinrich Anselm von Ziegler zu finden meint, ist auch aus seiner Critischen Dichtkunst von 1730, seinem Plädoyer für eine klassizistische Poetik, bekannt. Dort wendet sich Gottsched nicht von ungefähr gegen einen (spät)barocken Schreibstil, den er mit „Schwulst" und „Bombast" gleichsetzt und in der „hochtrabenden lohensteinischen Schreibart" exemplarisch bekämpft. Der klassizistische Autor präsentiert sich auch hier als entschiedener Gegner einer „ungereimten und unverständlichen Vermischung widereinanderlaufender verblümter Redensarten". Es ist zweifellos Teil des kulturpolitischen Programms Gottscheds und seiner Strategie, die ‘barocken' Stilvorlieben zu ächten, aus dem guten Geschmack gewissermaßen auszuschließen. Wie sich zeigt, bleibt die wahrgenommene stilistische Störung keineswegs lediglich auf die formalästhetische Ebene beschränkt, mit ihr verbinden sich im kulturellen Kontext des frühen 18. Jahrhunderts weiterreichende intellektuelle und moralische Implikationen. Wer derart rätselhaft und dunkel schreibt, erregt tiefe Skepsis und Unbehagen bei den Stilpuristen.

Nicht nur im Rückblick der Literaturkritik des frühen 18. Jahrhunderts, sondern bereits in den Augen der unmittelbaren Zeitgenossen erschien der dunkle, rätselhafte und figurenreiche Stil häufig als Provokation und Skandalon. Die Vorbehalte gegen den Petrarkismus eines Marino oder Garcilaso de la Vega sind hier ebenso zu nennen wie die anhaltende Kontroverse zwischen Quevedo und Góngora, insbesondere Quevedos heftige Polemik gegen den Gongorismo und den kulteranistischen Stil. Die verschlungene dunkle und kryptische Schreibform Góngoras gilt Quevedo, der in seiner Vorliebe für den Conceptismo durchaus selbst einem verstiegenen Stil zugetan ist, als Häresie, als Ketzerei, die man zu bekämpfen habe, notfalls sogar mit den Mitteln der Inquisition.

Was die Stilpuristen und die Verfechter des reibungslosen, transparenten Schreibideals übersehen, ist die integrale Funktion solcher ästhetischer Störungen, ihre unhintergehbare Rolle beim Zustandekommen und in der Wahrnehmung der jeweiligen Kunstwerke.

 

 


Bei Interesse finden Sie den Volltext des Artikels als PDF-Datei im Download-Fenster auf der rechten Seite.