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Primo Levis Se questo è un uomo und Dante Alighieris Divina Commedia

Ein Vergleich des Unvergleichbaren


Es gibt Werke, die aufgrund der Verschiedenartigkeit und Unvereinbarkeit ihrer Inhalte schlechthin unvergleichbar sind, aber dennoch den Vergleich herausfordern. Das trifft auf Primo Levis Se questo è un uomo und Dantes Divina Commedia in hohem Maße zu. Sicherlich verbietet sich jeder notwendig relativierende Vergleich der nationalsozialistischen Verbrechen und des durch sie verursachten sinnlosen Leidens mit literarischen Vorlagen.

Auch war es dem Autor Primo Levi nicht um eine Ästhetisierung und Stilisierung des Holocaust zu tun, die notwendigerweise eine Verharmlosung des Erlebten implizieren würde. Nichtsdestoweniger hat er sich mit seiner Erzählung über das Geschehen in Auschwitz aus der Perspektive des Opfers in ein weltliterarisches Koordinatensystem eingeschrieben, das den gebildeten Lesern aus der italienischen und europäischen Kulturtradition vertraut ist. Dies geschah möglicherweise aus dem Impuls heraus, das unvorstellbare Geschehen überhaupt artikulieren zu können und in einer sprachlichen, erzählenden Form mitteilbar zu machen.

Dabei bewegt sich eine Lektüre von Levis Se questo è un uomo in dem bleibenden Bewusstsein, dass ein solcher Versuch Momente des Scheiterns einschließt. Zugleich verleiht Levi seiner Erzählung und der Erinnerung an die Verbrechen des Holocaust - wie der gewählte (metaphysische) Bezugspunkt der Divina Commedia indiziert - eine Dringlichkeit und Unbedingtheit, die Dantes Entwurf einer göttlichen Weltordnung an Intensität nicht nachsteht.

Die weltliterarische Bezugsfolie: Dantes „Divina Commedia"

Die DC [Divina Commedia] erzählt- damit der ‚Histoire' und Sendung der Heiligen Schrift durchaus vergleichbar - die bedeutsame Wandlung eines Sünders - er heißt im Text Dante, steht aber für alle Menschen - zu einem von sämtlichen Makeln gereinigten Individuum, welches die Hauptereignisse seiner Religion - Leben, Tod und Auferstehung - neu (aber nachvollziehbar) macht."

Die „Göttliche Komödie" umfasst bekanntlich drei Teile: Inferno, Purgatorio und Paradiso. Als Ich-Erzähler tritt der Dichter Dante auf, der sich zuerst in einem dunklen Wald verirrt hat, von drei gefährlichen Tieren bedroht und von dem römischen Dichter Vergil gerettet wird, welcher ihn mit auf eine Reise nimmt. Diese Reise - so heißt es - sei von Dantes Geliebter Beatrice im Namen Gottes veranlasst worden und soll ihn durch die Reiche des Jenseits führen, um davon Zeugnis ablegen zu können und sich selbst zu reinigen.

An der Seite Vergils steigt Dante in die Hölle hinab, die sich wiederum in neun Kreise aufteilt, wobei diese trichterförmig in die Erde verlaufen, sodass sie sich letztendlich zum Mittelpunkt der Erde begeben. Zur Konstruktion der Hölle gab es in der frühen Neuzeit unterschiedliche Bilder, wie etwa eine Darstellung von Aldus Manutius aus dem Jahre 1515 die ein typisches Vorstellungsbild wiedergibt.

Zu Beginn durchqueren die beiden Reisenden die Vorhölle, werden dann von Charon über den Acheron gebracht und treffen auf Minos, der die sündigen Seelen entsprechend ihrer Schuld in die einzelnen Höllen-Kreise schickt. In jedem Kreis verweilen die Seelen der verstorbenen Sünder ohne Hoffnung auf Erlösung, wobei die Strafen im Jenseits ihrer Schuld im Diesseits entsprechen, das sogenannte ‚Contrapasso'. Es gibt eine hierarchische Abstufung der Strafen und vor allem der Sünden, je tiefer sie hinabsteigen:

Büßen in den oberen Stufen die Sünder aus Schwachheit, die mehr passiven, so leiden in den tieferen die Sünder aus Bosheit, die aktiv Bösen."

 

 


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