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Ein deutsches Nibelungen-Triptychon

Die Nibelungenfilme und der Deutschen Not


1. Einleitung

In From Caligari to Hitler formuliert der Soziologe Siegfried Kracauer die These, daß „mittels einer Analyse der deutschen Filme tiefenpsychologische Dispositionen, wie sie in Deutschland von 1918 bis 1933 herrschten, aufzudecken sind: Dispositionen, die den Lauf der Ereignisse zu jener Zeit beeinflussen und mit denen in der Zeit nach Hitler zu rechnen sein wird". Kracauers analytische Methode beruht auf einigen Prämissen, die hier noch einmal in ihrem originalen Wortlaut wiedergegeben werden sollen:

„Die Filme einer Nation reflektieren ihre Mentalität unvermittelter als andere künstlerische Medien, und das aus zwei Gründen: Erstens sind Filme niemals das Produkt eines Individuums. [...] Da jeder Filmproduktionsstab eine Mischung heterogener Interessen und Neigungen verkörpert, tendiert die Teamarbeit auf diesem Gebiet dazu, willkürliche Handhabung des Filmmaterials auszuschließen und individuelle Eigenheiten zugunsten jener zu unterdrücken, die vielen Leuten gemeinsam sind. Zweitens richten sich Filme an die anonyme Menge und sprechen sie an. Von populären Filmen [...] ist daher anzunehmen, daß sie herrschende Massenbedürfnisse befriedigen"

Daraus  resultiert  ein  Mechanismus, der sowohl in Hollywood als auch in Deutschland Geltung hat: „Hollywood kann es sich nicht leisten, Spontaneität auf Seiten des Publikums zu ignorieren. Allgemeine Unzufriedenheit zeigt sich in rückläufigen Kasseneinnahmen, und die Filmindustrie, für die Profitinteresse eine Existenzfrage ist, muß sich so weit wie möglich den Veränderungen des geistigen Klimas anpassen".

Ferner gilt: „Was die Filme reflektieren, sind weniger explizite Überzeugungen als psychologische Dispositionen - jene Tiefenschichten der Kollektivmentalität, die sich mehr oder weniger unterhalb der Bewußtseinsdimension erstrecken. [...] Daß Filme, die für Massenbedürfnisse besonders suggestiv wirken, zu außerordentlichen Kassenschlagern werden, schiene nur natürlich [...]".

Hierbei soll aber, so fügt Kracauer an, nicht einer Zementierung nationaler Stereotype und Klischees Vorschub geleistet werden, denn „[v]on der eigentümlichen Mentalität einer Nation zu sprechen, impliziert keineswegs den Begriff eines feststehenden Nationalcharakters. Das Interesse hier gilt ausschließlich solchen Kollektivdispositionen oder Tendenzen, die sich innerhalb einer Nation in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung durchsetzen".

Der vorliegende Aufsatz versucht, mittels der filmsoziologischen Methode Kracauers und  unter Berücksichtigung seiner Prämissen, das Erscheinen der Nibelungenverfilmungen aus ihrem soziohistorischen Kontext heraus zu erklären. Es wird sich nicht nur zeigen, dass das gesellschaftspolitische Klima sich in den Nibelungenfilmen (1924, 1966 und 2004) in frappierender Weise niederschlägt: Es soll auch untersucht werden, ob umgekehrt das Maß an Popularität des Nibelungenstoffes innerhalb Deutschlands zu einem bestimmten Zeitpunkt als Indikator für eine spezifische Mentalität der Bevölkerung geeignet ist, genauer: Ob es signifikante Anzeichen dafür gibt, das wirtschaftliche Krise, nationalistische Tendenzen und die Hinwendung der Filmindustrie zum Nibelungenstoff korrelieren.

 

 


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