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Familienfotografie: Medium - Speicher - Brücke

Sprechende Bilder? Fotografie als Redeanlass und Medium


Mutter: Da! Das war mein Vater als er aus der/

Tochter1: Ach ja.

Mutter: /Gefangenschaft zurück kam. Da sieht er aus/

Tochter2: Ganz rechts?

Mutter: /Hier! Da sieht er aus wie der Schindler , im Film.

Eine Familienfotografie weckt nicht nur Erinnerungen an die eigene Vergangenheit und Lebensgeschichte, sondern ruft auch Assoziationen und Verknüpfungen zu anderen Bildern und Narrationen auf, wie dieses Beispiel zeigt. Fotografie ist also mehr als eine Dokumentation von Erlebtem. Was sie unter verschiedenen Perspektiven leisten kann, soll hier anhand aktueller Interviewbeispiele untersucht werden. Dabei verfolge ich die These, dass eine Fotografie dann eine besondere Wertzuschreibung erhält, wenn es zu einem Objekt der Gegenwart wird, also eine Aktualisierung erfährt.

Wenn man den Gebrauch von Fotografien näher betrachtet, scheinen sie ein gewisses Eigenleben zu führen: Sie fungieren nicht nur als Redeanlass, sondern der Betrachter kann den Eindruck haben, das Bild selber spräche zu ihm, würde ihm etwas mitteilen wollen oder hätte gar eine Botschaft. „La photographie n'est jamais qu'un chant alterné de ‘Voyez', ‘Vois', ‘Voici' [...]." stellt Roland Barthes in seinen Überlegungen zum Wesen der Fotografie 1980 in „La chambre claire" fest.

Dieser „chant alterné", der „Wechselgesang von Rufen", ist in seiner Abfolge weder orts- noch zeitgebunden. So kann ein „Ruf" eines solchen Wechselgesangs Monate oder gar Jahre später entgegnet werden, wie es etwa Marianne Hirsch an einer Fotografie von Frieda Wolfinger, der Tante ihres Mannes Leo, zeigt. Frieda Wolfinger schickte ihr Portraitfoto nach dem Zweiten Weltkrieg an zahlreiche Menschen aus ihrer Bekannt- und Verwandtschaft. Alle Empfänger dieser Post verstanden dieses Bild als eine Bekundung ihres (Über-)Lebens. Das Bild zeigt jedoch, laut Hirsch, lediglich eine Frau, die recht unbequem auf einem Stuhl sitzt und etwas von modernem Leben ausstrahlt.

 

 


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