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Von einem Absoluten zu einem Anderen

Celan und Blanchot: "Sprich als letzter, sag deinen Spruch"


„[...] kann man sich zurückziehen, wenn Auschwitz stattgefunden hat? Wie sagen: Auschwitz hat stattgefunden?"

Dieses kurze Zitat aus dem 1980 veröffentlichten Essay von Blanchot Die Schrift des Desasters ist eine der vielen Überlegungen des Autors über den Holocaust. Jene eingehende Betrachtung Blanchots über «das absolute Ereignis der Geschichte», die sein ganzes Werk durchzieht, hat ihn dazu geführt, die Literatur neu durchzudenken und seine eigene Antwort auf die berühmt gewordene Frage Adornos zu finden. Mit seiner kurzen Erzählung Der Wahnsinn des Tages hatte der Autor und Essayist schon die Frage nach der Möglichkeit gestellt, eine Erzählung nach der Erfahrung der Shoah zu schreiben, es ging dabei um eine Art Geständnis des Schriftstellers über die Unmöglichkeit, weiterhin zu dichten. Somit wird das Fragmentarische in seinen Büchern immer wichtiger; die Entstehung und die Entwicklung dieses neuen Schreibens hängt auch mit einem ständigen Dialog mit einem anderen Denken, mit anderen Autoren zusammen, die für sein Werk von großer Bedeutung sind, wie z. B. Paul Celan.

Ich möchte mich in diesem Vortrag dem fragmentarischen Raum nähern und dem, was man seine Grundlage nennen könnte: Der Erfahrung der Shoah. Deswegen werde ich mich zuerst mit dem ersten Buch Blanchots Le Pas au-delà beschäftigen, das alle Merkmale des Fragmentarischen aufweist, um zu zeigen, inwiefern und inwieweit das Fragment paradoxerweise das Unsagbare zum Ausdruck bringen kann. Eine eingehende Analyse der Charakteristika des Fragments bei Blanchot wird zeigen, dass dieses radikale Schreiben das literarische Absolute ist, das dem Absoluten - dem "absoluten Ereignis" - der Geschichte entspricht. Außerdem erkennt man in den Fragmenten von Le Pas au-delà die Anzeichen des Selbstmordes Celans: Dieser Dialog zwischen den beiden Autoren geht in einem kurzen Text weiter, dessen Titel denjenigen eines Gedichts von Celan wieder aufnimmt: «Sprich als letzter». Nachdem ich in einem zweiten Teil auf die Bedeutung dieses Dialogs für die Poetik des Fragments bei Blanchot eingegangen sein werde, werde ich mich auf eine der wichtigsten Komponenten des Fragments konzentrieren: Dieses radikale Schreiben erschüttert das Verhältnis zwischen Gedächtnis und Vergessen. Das Fragmentarische ist auch insofern absolut, als es «eine Zeit der Abwesenheit der Zeit» («un temps de l'absence de temps») verkörpert, die auch diejenige des Holocausts ist, ein Ereignis außerhalb der Zeit, das man nur in einer anderen Temporalität denken kann.

 

 


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