Komparatistik Online

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Aspekte der russischen Literaturwissenschaft aus komparatistischer Sicht

Die russische Literaturwissenschaft entwickelte sich auf der Basis der russischen Literaturkritik des 19. Jahrhunderts und setzte sich schon früh mit Problemen der komparatistischen Einfluss- und Beziehungsforschung auseinander. Sie war von Beginn an supranational und interdisziplinär ausgerichtet. Hingegen hatten die Einzelphilologien in der russischen universitären Tradition einen schweren Stand. So war z. B. anlässlich des erst im Jahre 2003 gegründeten russischen Germanistenverbandes festzustellen, dass die Vertreter der russischen Germanistik Probleme hatten, ein fachdisziplinäres Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln und sich eher als allgemeine Literaturwissenschaftler oder Komparatisten definierten. Während sich die Komparatistik in Deutschland erst nach der Überwindung eines langwierigen und schwierigen Prozesses der Abgrenzung in Bezug auf die Einzelphilologien in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre einen festen Platz eroberte, nahm die russische Komparatistik eine völlig andere Entwicklung, da es dort einer besonderen Legitimation der vergleichenden literaturwissenschaftlichen Forschung nicht bedurfte.


Die Universitätsentwicklung setzte in Russland verglichen mit der im übrigen Europa erst mit jahrhundertelanger Verspätung ein. Als Folge der Petrinischen Reformen wurde 1725 in St. Petersburg die Akademie der Wissenschaften und in Moskau die erste russische Universität gegründet, beide Institutionen anfangs erst von ausländischen, meist deutschen und französischen Professoren beherrscht. Im damaligen Zarenreich wurden gesellschaftliches Ansehen und materielle Güter in der Regel durch den Militärdienst und nicht durch wissenschaftliche Studien erworben. Aus diesem Grunde stammten die ersten russischen Akademiker auch nicht aus dem das gesellschaftliche Leben bestimmenden Adel, sondern aus einfacheren Bevölkerungsschichten. Vasilij K. Tredjakovskij (1703-1769), der Sohn eines Popen aus Südrussland, wurde nach seinen Studien an der Pariser Sorbonne 1745 als Professor für Eloquenz an die Petersburger Akademie berufen. Zu seinen Aufgaben gehörte die Übersetzung verschiedener Werke der französischen Literatur. Michail V. Lomonosov (1711-1765), Sohn eines Bauern und Fischers aus Russlands Norden, wurde zur gleichen Zeit nach naturwissenschaftlichen Studien in Halle, Marburg und Freiburg als Professor für Chemie an die Akademie berufen. Letzterer entwickelte sich zum Universalgenie, nach welchem die Moskauer Universität später benannt wurde. Beide Wissenschaftler waren auch äußerst erfolgreich literarisch tätig, wurden auf dem Gebiet der Dichtung gar zu unerbittlichen Konkurrenten, leisteten einen wichtigen Beitrag zur Normierung der russischen Schriftsprache und schafften somit wichtige Voraussetzungen zur Entwicklung einer eigenständigen Literatur. Sie stellten Regeln zur russischen Verskunst auf, jeder unter dem Einfluss seiner während des Auslandsstudiums erworbenen Kenntnisse. Während sich Tredjakovskij an französischen Vorbildern orientierte, griff Lomonosow auf deutsche Leitbilder zurück.

Die historisch-philologische Fakultät der Universität Moskau verfügte bei ihrer Gründung im Jahre 1755 über drei Lehrstühle, und zwar für Philosophie, Rhetorik und Geschichte. Schon das Universitätsstatut von 1804 sah durch die Einführung der Lehrstühle für Griechische Sprache und Literatur, für Altertümer und Lateinische Sprache sowie für Rhetorik, Poetik und Russische Sprache eine differenziertere Literaturwissenschaft vor. Im Statut von 1835 wurde ein zusätzlicher Lehrstuhl für Orientalische Literatur eingerichtet und die Russische Literatur- und die Russische Sprachwissenschaft wurden durch getrennte Professuren vertreten. Durch das Statut von 1863 wurde erstmals ein Lehrstuhl für Allgemeine Literatur institutionalisiert, der 1884 die Bezeichnung Geschichte der westeuropäischen Literaturen erhielt und als „Geburtsstunde der Lehrstühle für Weltliteratur sowie der Komparatistik in Russland" anzusehen ist.

 

 


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