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Ein Fall der Hermeneutik

George Forestiers Leben, Werk und Wirkung


1. Autor und Werk
Wer ein literarisches Werk verstehen möchte, wird von der Hermeneutik an seinen Autor verwiesen. Die Kategorie, die Autor und Werk zur Einheit bringt, ist das „Erlebnis“. Der Autor sei deshalb aus seinen Texten zu ver¬stehen, da diese den Stempel seiner Erlebnisse tragen; umgekehrt könne man aus demselben Grund das Werk verstehen, wenn man das Leben kenne, das sich in die Texte eingeschrieben habe. In seiner Arbeit „Das Erlebnis und die Dichtung“ von 1905 schreibt Dilthey: „Poesie ist Darstel¬lung und Ausdruck des Lebens. Sie drückt das Erlebnis aus, und sie stellt die äußere Wirklichkeit des Lebens dar“.  Auch Friedrich Schleier¬macher  geht davon aus, „daß die Rede ein Lebensmoment ist“, weshalb ihr Ver¬ständnis „die Kenntnis seines [nämlich des Urhebers] inneren und äußeren Lebens“ erfordert.  Und wie das Werk als ein Ausdruck des erleb¬ten Lebens verstanden werden kann, so begreift man das Leben des Autors aus seinem Werk. „Denn nur aus den Schriften eines jeden kann man sei¬nen Sprach¬schatz kennen lernen und ebenso seinen Charakter und seine Umstände“.  Das Textkorpus eines Autors kann auf die „Lebens- und Gemütszustände, die den Stoff dazu hergegeben“, bezogen werden, was „manches Rätsel zu erraten, manches Problem aufzulösen“ hilft – so ent¬faltet DER deutsche Autor schlechthin, Johann Wolfgang von Goethe,  das hermeneutische Paradigma in seinem „Vorwort“ zu „Dichtung und Wahr¬heit“, jenem Text also, der seinen Interpreten genau diesen „Stoff“ zu geben beabsichtigt.  Goethes eigene „Dichtwerke“ selbst seien nach der Lektüre seiner Mittei¬lungen „Aus meinem Leben“ darum besser zu verstehen, so meint Goethe, weil der „Künstler, Dichter, Schriftsteller“ das Erlebte seines Lebens „wieder nach außen abgespiegelt“ hat.  In „Dichtung und Wahr¬heit“, Goethes „Aufzeichnungen aus meinem Leben“, lesen wir beispiels¬weise von

„Jerusalem, dem Sohn des frei und zart denkenden Gottesgelehrten. Auch er war bei einer Gesandtschaft angestellt: seine Gestalt gefällig, mittlerer Größe, wohlgebaut; ein mehr rundes als längliches Gesicht; weiche ruhige Züge und was sonst noch einem hübschen blonden Jüngling zukommen mag; blaue Augen sodann, mehr anziehend als sprechend zu nennen. Seine Kleidung war die unter den Niederdeutschen, in Nachahmung der Englän¬der, hergebrachte: blauer Frack, ledergelbe Weste und Unterkleider, und Stiefeln mit braunen Stolpen.“

 


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