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Namenssetzungen.

Taufakte, Testamente und Pseudonyme in Hans Henny Jahnns Fluss ohne Ufer


Hans Henny Jahnns Fluss ohne Ufer  ist vor allem als Text martialischer sexueller Gewaltakte in die Literaturgeschichte eingegangen. Eine Pers-pektive, die ich  aufbrechen oder verschieben möchte, indem ich sie in eine poetologische Fragestellung überführe. Die obsessive Beschäftigung mit dem Tod im Text soll also nicht, wie dies in der bisherigen Forschung häufig der Fall ist, als Deckdiskurs eines nekrophilen homosexuellen Autors verstanden werden. Meine These ist, dass sie auf eine poetologische Konzeption des Textes selbst verweist, der an der Selbstzerstörung des Protagonisten aufzeigt, dass es kein Ohneeinander von Schreiben, Schrift und Tod gibt. Oder: dass die Obsession, die Nekrophilie, schon im Schrei-ben liegt und nicht etwa bloß beschrieben wird. Eine wesentliche Funktion kommt in diesem Zusammenhang der Setzung von Eigennamen unter Schriftstücke, der Signatur, sowie feierlichen Akten der Umbenennung zu. Wer wann welchen Namen tragen kann  und unter welchen Bedingungen dieser Name etwas bezeugt – dies ist das zentrale Thema vor allem des zweiten Teils der Romantrilogie Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er 49 Jahre alt geworden war.
Jahnns  Fluss ohne Ufer ist in drei Teile gegliedert, die sich nicht zuletzt in ihrem Genre und somit in ihrer Erzählperspektive unterscheiden. So ist der erste Teil, das Holzschiff, allem Anschein nach ein klassischer Seefahrts- und Abenteuerroman. Dieser Text stellt in einer auktorialen Perspektive eine vorgebliche Realität her, auf die der zweite Teil, die Niederschrift des Gustav Anias Horn, im Rahmen einer Autobiographie-fiktion referiert. Einer der Protagonisten dieses ersten Teils übernimmt im zweiten Teil die Erzählperspektive. In diesem Perspektiven-wechsel setzt sich ein Bemächtigungsgestus oder auch eine Kontrollwut fort, die bereits im ersten Teil des Textes auf inhaltlicher Ebene sichtbar wird.  Zudem verweist bereits dieser erste Teil auf die Verwerfungen von Fiktionalität und Faktizität, wie sie für das Genre der Autobiographie bestimmend sind. Mehrfach nimmt der Text auf Edgar Allan Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket Bezug.  Bereits dieser Text betreibt ein Ver-wirrspiel mit Signaturen: In einem Vorwort, das von A.G. Pym signiert ist, wird behauptet, dass der Text ein als Roman getarnter autobiographischer Reisebericht sei. Die Tarnung sei deshalb notwendig gewesen, weil die Geschehnisse, die der „Autor“ (Pym) zu berichten hat, derart phantastisch sind, dass ihm – präsentierte er sie als Tatsachen-bericht – niemand glauben würde. Da er aber auf weite Verbreitung hofft, habe er sich einver-standen erklärt, sie offiziell als Roman deklariert unter Edgar Allan Poes Namen erscheinen zu lassen. Und wirklich, so Pym, habe sich der erhoffte Erfolg eingestellt. In der Folge seien einige Leserbriefe bei Poe einge-gangen, in denen sich die Überzeugung ausdrückte, dass es sich bei diesem Roman doch sicher um eine wahre Begebenheit handle.

 


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