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‚Das Leben und Töten des Robert S.‘

Michel Foucault stellt uns in einem seiner Texte einen besonderen Men¬schentypus vor: die Infamen. Die infamen Existenzen bezeichnet er auch als „Skandalmenschen“  und Skandale gibt es seit der Ausdifferenzierung der Massenmedien vor allem als Medienereignisse. Die massenmediale Berichterstattung ist dann auch einer der Orte, an dem seit dem 18. Jahr¬hundert Foucaults infame Menschen dokumentiert werden, die „allesamt rasend, anstößig und erbärmlich“  sind. Sie zeichnen sich dadurch aus, „daß nichts sie für irgendein Aufsehen prädestiniert habe; daß sie mit keiner der etabliert anerkannten Größen begabt gewesen seien [...]; daß sie zu jener Milliarden von Existenzen gehören, die dazu bestimmt sind, ohne Spur vorüberzugehen [...].“
Doch trotzdem gibt es eine Spur von ihnen; kurz werden sie sichtbar, und zwar in Form der Berichte von ihren grausamen, niederträchtigen und gemeinen Taten, sowie durch die Beschimpfungen, die sie provozieren.

„Sie existieren nur noch kraft der etlichen schrecklichen Worte, die dazu be¬stimmt waren, sie für immer des Gedächtnisses der Menschen unwürdig zu machen. Und der Zufall hat es gewollt, daß es diese Worte sind, diese Worte allein, die weiter existieren.“

In diesen Worten werden sie zwar diffamiert, aber es ist die einzige mögliche Form ihrer Existenz. Weil sie ‚rasend, anstößig und erbärmlich‘ sind, gehören sie nicht der „Gesellschaft der anonymen Masse“  an und stellen demgegenüber eine Unregelmäßigkeit dar, die allererst die Be¬schimpfung herausfordert. Ihre Abweichung ist ein „Appell zur Diskursi¬vierung“  und produziert ihre diskursive Existenz – im Gegensatz zu den Vielen, die für immer ungenannt bleiben. Sie haben sich auf ihre elende Art einen Namen gemacht. In ihrer Nennung und Verunglimpfung zeigt sich jedoch nicht nur das Anstößige und Erbärmliche, sondern noch viel¬mehr das Alltägliche, das immer miterzählt und sich auf diese Weise im Diskurs manifestiert. Die Erbärmlichkeit und Skandalösität der infamen Menschen ist nur das Resultat von Banalitäten, die in den diffamierenden Berichten ihren Niederschlag finden. Und so werden in den Skandalbe¬richten und Beschimpfungen dieser Menschen „die individuellen Variatio¬nen der Lebensführung, ihre Schanden und Geheimnisse [...] dargebo¬ten“,  wobei die Darbietungen über die Jahrhunderte sehr unterschiedliche Formen annehmen können. Seit Ende des 18. Jahrhunderts findet man die infamen Menschen, wie eingangs gesagt, unter anderem „im wirksamen aber grauen Raster [...] des Journalismus“,  der die „Sprache der Beobach¬tung und Neutralität zu sein beansprucht.“



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