Komparatistik Online

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Schäubleweise, Schröderisierung und riestern.

Formen und Funktionen von Ableitungen aus Personenamen im öffentlichen Sprachgebrauch


1.  Einleitung
Es ist schon längere Zeit her, dass ich in einem Zeitungsartikel  die folgende Warnung gelesen habe: Es drohe die „Wes¬ter¬wel¬li¬sie¬rung der Gesellschaft“, wenn der Staat sich in weiteren Bereichen aus der Verantwortung zurückzöge und alles dem freien Spiel der Marktkräfte überlasse. Da auch für mich Guido Westerwelle die Verkörperung neoliberalen „Modernisierungs“-Den¬kens darstellt, fand ich diese Formulierung sehr treffend und auch vergnüglich. Aktuell, im Jahre 2009, bleibt mir das Vergnügen daran angesichts der nun sichtbar werdenden weltwirtschaftlichen Folgen solcher Ideologien des deregulierten freien Marktes allerdings ein wenig im Halse stecken – besonders wenn paradoxerweise gleichzeitig die Partei, die am radikalsten diese Lehre des freien Marktes vertritt, was ja in der zitierten Wendung kritisch aufgegriffen wird, in Umfragen von den zutage getretenen Problemen politisch am meisten profitiert. Der Ausdruck Westerwellisierung allerdings ist in der hier interpretierten Bedeutung  keineswegs konventionalisiert. In neueren Belegen wird er auch dafür benutzt, die Konzentration des Auftritts der Partei FDP auf die Person Westerwelle zu kritisieren: „Keine Chance gegen die Westerwellisierung“ titelt z.B. Heribert Prantl in sueddeutsche.de am 5.4.2005 über einem Kommentar, der moniert, wie stark die FDP auf ihren Vorsitzenden zugeschnitten sei.
Die Westerwellisierung der Gesellschaft jedenfalls brachte mich vor einiger Zeit auf die Idee, mir genauer anzusehen, welche Rolle das hier gewählte sprachliche Mittel im alltäglichen und im öffentlichen Sprachgebrauch spielt. Mit aus Personennamen (PN) abgeleiteten Wörtern lassen sich offenbar spezifische kommunikative Effekte erzielen. Im Rahmen politischer Debatten wurden etwa auch die folgenden PN-Ableitungen genutzt: Im November 2002 wird die SPD-Regierungspolitik aus den eigenen Reihen als Steinmeierisierung der Politik kritisiert: „Das Regieren in Konsens und mit Kommissionen, ‚die Steinmeierisierung der Politik kann nicht das letzte Wort bleiben“ (Welt Online 22.2.2002). Der damalige Bundeskanzler Schröder warnte im Februar 2000 vor der Haiderisierung der deutschen Gesellschaft (taz 21.2.2000), vor der Haiderisierung der FDP oder der Schweiz (Leutheusser-Schnarrenberger lt. Die Welt 16.12.1995 und DIE WELT 26.10.1999) wird aus Sorge um rechtspopulistische Tendenzen ebenfalls gewarnt. Nach der Bundestagswahl 2005 werden die CDU-Politiker Kauder, Röttgen und Pofalla in einer SZ-Glosse als Merkelianer und Friedrich Merz als Nicht-Merkelianer bezeichnet (sueddeutsche.de 5.10.2005), während zwei Jahre später im Spiegel auch Franz Müntefering als Merkelianer gilt (Der Spiegel 34/2007, 20.8.2007, S. 20).

 


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