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Untergang und Auferstehung in den literarischen Werken von Ingeborg Bachmann und Saʿdī Yūsuf

„Die Lose ähneln sich, die Odysseen“.  Dieser Vers Ingeborg Bachmanns aus ihrem Gedicht Von einem Land, einem Fluss und den Seen behauptet, die Irrfahrten und Schicksale der vielen Odysseus-Gestalten seien einander ähnlich. Wenn sich aber die Schicksale und Heimkehrreisen der Umherwandernden ähneln, dann könnten sich auch ihre literarischen Werke ähnlich sein. Ausgehend von dieser Vermutung sollen im folgenden Beitrag zwei große Lyriker des 20. Jahrhunderts gegenübergestellt werden, die sich mit der Frage des Exils und seiner Überwindung beschäftigt haben: die Österreicherin Ingeborg Bachmann und der Iraker Saʿdī Yūsuf. Zwar gehören beide unterschiedlichen Sprachräumen und Literaturtraditionen an. Zugleich sind sie aber aus diesen Räumen ausgebrochen, um neue geografische, sprachliche und gedankliche (W)orte zu erkunden, die keine fest umrissenen Grenzen mehr kennen. Darüber hinaus haben sie in ihren Texten auf ähnliche Weise Untergänge und Auferstehungen inszeniert, die meines Erachtens den Erfahrungen ihres Exils entspringen. Ihre Sichtweisen auf das Eigene und Fremde fordern uns auf, unseren eigenen Blick in einer Zeit zunehmenden und zugleich konfliktreicheren Zusammenlebens zu öffnen und zu hinterfragen.
Ingeborg Bachmann  wurde 1926 in Klagenfurt geboren, promovierte 1950 aus kritischer Distanz über Martin Heidegger und machte sich im deutschen Sprachraum alsbald als viel versprechende junge Nachkriegslyrikerin einen Namen. Die erste Einladung der Gruppe 47 erfolgte 1952, ein Jahr später erschien ihre erste Gedichtsammlung Die gestundete Zeit.  Die Prosa Bachmanns hingegen wurde von der deutschen Literaturkritik lange Zeit verkannt. Die Autorin hatte sich bereits zunehmend von einer poeti-sierten Sprache entfernt und sich ihrem umfangreichen Romanprojekt Todesarten gewidmet.  Ab 1958 lebte sie zunächst für einige Jahre in Zürich, Rom und Berlin, bis sie Rom als ihre Wahlheimat auserkor. In der italienischen Hauptstadt, deren Sprache und Kultur für die Autorin zum „erstgeborenen Land“  wurden, blieb sie dann mit Unterbrechungen bis zu ihrem tragischen Tod im Herbst 1973. Bachmann kann – im Gegensatz zu den deutschen Exilanten während des Nationalsozialismus – aus biografischem Blickwinkel streng genommen nicht als Exilautorin gelten.  Ihr Denken aber kreist sowohl in ihren literarischen Texten als auch in ihren Kritischen Schriften – gemeint sind vor allem ihre Frankfurter Poetikvorlesungen  – immer wieder um das Exil und verbindet es mit der Suche nach den Möglichkeiten einer Utopie. Ebenso wie für Bachmann der Krieg und das Morden nach 1945 nicht einfach aus der Welt verschwanden, hat auch eine gewisse Form des Exils nicht zu existieren aufgehört, und so spricht Bachmann von einem emotional-geistigem Exil und der Sehnsucht nach „einer geistigen Heimkehr“.

 


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