Komparatistik Online

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Vom Aussterben erzählen

Kulturelle Narrative zum sechsten Artensterben

Zu Ursula K. Heise: Imagining Extinction. The Cultural Meanings of Endangered Species. Chicago: University of Chicago Press 2016.


Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Ursula K. Heise, die den Marcia H. Howard Chair in Literary Studies an der University of California, Los Angeles, innehat, legt mit ihrem neuen Buch Imagining Extinction einen bemerkenswerten Beitrag über den kulturellen Umgang mit dem großen Artensterben vor, wie wir es seit Jahrzehnten in Folge des Klimawandels, der übermäßigen Bejagung und der Zerstörung natürlicher Habitate weltweit beobachten können.

Was unterscheidet Heises Studie nun von anderen wissenschaftlichen und populärkulturellen Beiträgen, die auf dieses Phänomen aufmerksam machen und die derzeit im angloamerikanischen Raum und darüber hinaus Hochkonjunktur haben? Was macht, so wäre in diesem Zusammenhang zu fragen, dieses Buch – unabhängig von seinem in ökologischer und politischer Hinsicht richtungweisenden Gehalt – für die Kulturwissenschaften interessant und wertvoll?

Im Unterschied zu anderen thematisch ähnlich gelagerten Untersuchungen wie zum Beispiel Errol Fullers Extinct Birds (1998) oder Ashley Dawsons Extinction. A Radical History (2016) geht es Heise nicht allein um eine differenzierte Analyse der Problematik des Artenschwunds, die für sich betrachtet zweifellos eine große Bedeutung bzw. Dringlichkeit hat. Neben einer scharfsinnigen und genauen Erfassung der Ursachen und Wirkungen richtet sich Heises Aufmerksamkeit primär auf die zahlreichen kulturellen Diskurse über das Aussterben der Spezies, auf ihre besonderen Darstellungsformen, auf die ihnen eigenen medialen Repräsentationen und Erzählverfahren. Indem die Autorin das Wie, d.h. die jeweilige Art und Weise der kulturellen Kommunikation in dem betreffenden Feld, in den Mittelpunkt ihrer Studie rückt und an unterschiedlichen Text- und Medientypen detailgenau nachvollzieht, zeigt sie zugleich den hohen Symbolwert und die mentalitätsgeschichtliche Relevanz der kulturellen Auseinandersetzung mit der vom Menschen verursachten Auslöschung der Arten. Die symbolische Dimension, die sich auf der Ebene der kulturellen Kommunikationen mit dem Phänomen des Artensterbens verbindet, verweist eindringlich auf dessen aktuelle mentalitätsgeschichtliche Relevanz. Letztere wird nicht zuletzt auch in neuen Begriffsprägungen wie ‚biodiversity‘ / ‚Biodiversität‘ und ‚anthropocene‘ /‚Anthropozän‘ sichtbar, die in jüngster Zeit internationale Verbreitung finden.

Heise arbeitet auf der Ebene der aktuellen kulturellen Diskurse zum Artensterben zunächst unterschiedliche Modi des Erzählens heraus (vgl. vor allem Kapitel 1:Lost Dogs, Last Birds, and Listed Species: Elegy and Comedy in Conservation Stories“). Die narrativen Darstellungsverfahren, deren sich Umweltschützer, Ökologen und Naturwissenschaftler bedienen, sind vielfältig. Als dominierende narrative Formen begegnen die elegische und die tragische Erzählung, während die komische Variante eher Seltenheitswert hat. Meist wird in den geläufigen Darstellungen eine bereits ausgestorbene (oder stark bedrohte) Tierart ausgewählt, um als Protagonist der Erzählung zu figurieren, dessen mitunter tragischem Einzelschicksal der Text zugleich einen exemplarischen Stellenwert von hoher kultureller Relevanz verleiht. Die einzelne Geschichte wird dabei als Teil eines größeren oder sogar globalen Netzwerks sichtbar; die Auslöschung selbst erscheint als Resultat des fatalen Zusammenwirkens von verschiedenen Faktoren, die massiv in das natürliche Gleichgewicht eingreifen und die auch andernorts fatale Folgen zeitigen. Der partikulare Fall ist dabei meist nur die Spitze eines Eisbergs bzw. der hell ausgeleuchtete Fokus eines sehr viel umfassenderen, teilweise unmerklichen Geschehens.


Bei Interesse finden Sie den Volltext des Artikels als PDF-Datei im Download-Fenster auf der rechten Seite unten.