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„Alles ist Wechselwirkung“

Zu Andrea Wulfs neuer Biographie über Alexander von Humboldt: The Invention of Nature. The Adventures of Alexander von Humboldt, the Lost Hero of Science. London: John Murray 2015. (Deutsche Übersetzung: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. München: C. Bertelsmann 2016).


Unter den Gelehrten der klassisch-romantischen Epoche erfreut sich Alexander von Humboldt in den letzten Jahren besonderer Aufmerksamkeit, die sich sowohl innerhalb der Scientific Community als auch zunehmend bei einer breiteren Öffentlichkeit manifestiert. Wissenschaftliche Editionen seiner Schriften haben ebenso Konjunktur wie detaillierte Darstellungen seines Lebens und neuere Interpretationen seiner Werke. Dank Daniel Kehlmanns Bestseller Die Vermessung der Welt (2005) ist Humboldt sogar zu einer berühmten Romanfigur und zum Protagonisten der gleichnamigen Verfilmung von Detlev Buck (2012) avanciert.

Wie die jüngsten Forschungsbeiträge aus unterschiedlichen Disziplinen überzeugend gezeigt haben, sind die Werke Humboldts in vielfacher Hinsicht bis heute von großer Aktualität. Humboldt zählt zu den produktivsten und angesehensten Gelehrten seiner Epoche, dem die Zeitgenossen schon zu Lebzeiten große Bewunderung entgegenbrachten. Mehr noch: Seine Ideen werden im Zeitalter der Globalisierung, des Klimawandels und der wachsenden Bedeutung eines ökologischen Bewusstseins wiederentdeckt und in ihrer eigentlichen Relevanz erst im historischen Rückblick erkannt. In diesem Sinne hat der Romanist Ottmar Ette in seiner bahnbrechenden Monographie Alexander von Humboldt und die Globalisierung. Das Mobile des Wissens (2009) auf die richtungweisenden Neuansätze von Humboldts Wissenschaftskonzeption und seinen transdisziplinären Erkenntnisansatz aufmerksam gemacht. Humboldt erscheint demnach als Vertreter einer neuartigen wissenschaftlichen Erkenntnissuche, die interdisziplinär, kosmopolitisch und transareal ausgerichtet ist und auf einer weltweiten Vernetzung der Forschenden basiert.

Wulfs Humboldt-Biographie bewegt sich auf der Höhe der neueren Humboldtforschung und konvergiert mit deren Erkenntnis von Humboldts Aktualität. Ihre Biographie erweist sich als sorgfältig recherchiert und umfasst eine Vielzahl anschaulicher und spannender Schilderungen, die sich dabei keineswegs episodenhaft verselbstständigen, sondern in eine hochinteressante Gesamtdeutung des ‚Phänomens‘ Alexander von Humboldt einmünden.

Andrea Wulf versteht es, Humboldts Lebensgeschichte und seine Forschungsreisen packend zu erzählen. Ihr gelingt es, die Leser mitzunehmen auf die abenteuerlichen Reisen, die Humboldt nach Südamerika zu den Flüssen des Orinoko und Amazonas und zum Gipfel des höchsten Vulkans Ecuadors, des Chimborazo, führten. Später lässt sie ihre Leser den Spuren des Universalgelehrten in die Steppen Sibiriens und auf die Höhen des Altai-Gebirges folgen, die er noch im Alter von sechzig Jahren auf seiner Russlandexpedition erkundete. Es gelingt der Autorin immer wieder, einzelne Episoden mit anekdotischer Prägnanz zu erfassen und dabei schlaglichtartig typische Charakterzüge Humboldts zu beleuchten. Weder Schwärme von Moskitos noch drohende Seuchengefahr, weder sintflutartige Regenfälle noch sengende Hitze konnten Humboldts unermüdliches Streben nach Erkenntnis jemals einschränken. Sein rastloser Erkenntnisdrang folgte einem Grundsatz, den er selbst in aphoristischer Pointiertheit formuliert hat: „ Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart, lässt auf ein höheres, noch unerkanntes schließen.“


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