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Das Chanson tummelt sich auf den Straßen, zwitschert und wird zum Filmstar

Rezension zu Fernand Hörner/ Ursula Mathis-Moser (Hg.): Das französische Chanson im Licht medialer (R)evolutionen. La chanson française à la lumière des (r)évolutions médiatiques. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015.


Der zweisprachige Band, der deutschsprachige und französische Beiträge umfasst, verfolgt ein ambitioniertes Ziel, denn es ist den Herausgebern und Beiträgern um nichts Geringeres zu tun, als das französische Chanson in seinen vielfältigen Wand-lungen, genauer den medialen Evolutionen und Revolutionen, die seine Entfaltung seit der frühen Neuzeit geprägt haben, zu untersuchen.

Gleich eingangs klären die Herausgeber die Genrefrage, indem sie das Chanson im Rückgriff auf seine ursprünglichen französische Bedeutung definieren, die in etwa mit dem deutschsprachigen Begriff des Lieds gleichzusetzen ist und nicht etwa auf die von uns als typisch aufgefasste Chansonkultur des 20. Jahrhunderts beschränkt bleibt. Insgesamt zeichnet der Band die Geschichte des französischen Chanson seit der frühen Neuzeit nach anhand von Beispielen, die ein faszinierendes Panorama der Entwicklung einer seit ihren Anfängen durchaus heterogenen Liedgattung eröffnet.

Ursula Mathis-Moser skizziert zunächst einen wissenschaftsgeschichtlichen Rück-blick auf die bisherige Forschung zum Chanson, die nach zögerlichen Anfängen in den 1960er Jahren im Laufe der 1980er Jahre intensiviert wurde, um schließlich eine interdisziplinäre Öffnung zu erfahren (vgl. „Pour une cantologie germanophone. Bilan et nouvelles perspectives“). Sodann profiliert Mathis-Moser den systemati-schen Entwurf einer Cantologie im Fahrwasser des cultural turn der 1990er Jahre und plädiert schließlich für eine fruchtbare reziproke Vernetzung der germano-phonen und francophonen Forschungstraditionen zum Chanson. Der vorliegende Band befördert übrigens diese Intention des deutsch-französischen Forschungs-austauschs, insofern sämtliche Aufsätze von ausführlichen Abstracts in beiden Sprachen begleitet werden.

Die sich anschließenden Beiträge beleuchten interessante Ausschnitte aus der Chansonkultur in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert, die insofern als repräsentativ gelten können, als sie Stationen einer ebenso aufschlussreichen wie jeweils epochen-typischen medialen Entfaltung und Diversifizierung des Genres in den Blick nehmen. Das Erkenntnisinteresse der Beiträge ist weitgefächert, und zwar nicht allein aufgrund der beinahe irreduziblen Vielfalt des Untersuchungsgegenstands, sondern auch durch eine dezidierte intermediale und interdisziplinäre Ausrichtung, welche sich als roter Faden durch den Band zieht und die Perspektiven bereichert bzw. noch um ein Vielfaches potenziert. Die Liedkultur in Frankreich, wie sie sich in den Einzelbeiträgen präsentiert, scheint ein nahezu omnipräsentes Kultur-phänomen: Das Chanson tummelt sich auf den Straßen, es betritt unterschiedliche Bühnen, es zwitschert und wird schließlich sogar zum Filmstar.

Aus der Fülle der Beiträge des sehr vielschichtigen Bandes können hier nur einige exemplarisch vorgestellt und kommentiert werden.


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