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Christoph Marzis Lycidas und das Aufbrechen der klassischen Gut-Böse-Opposition in der zeitgenössischen Phantastik

Der vorliegende Beitrag[1] untersucht die möglichen Auswirkungen der Globalisierung und der Beilegung des Ost-West-Konflikts nach dem ‚Mauerfall’ auf die phantastische Gegenwartsliteratur, insbesondere hinsichtlich der traditionellen Gut-Böse-Dichotomie. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit ein merklicher Komplexitätsanstieg in der Konzeptualisierung der unterschiedlichen Kulturen der Weltgesellschaft seine Spuren in aktuellen Entwicklungstendenzen des phantastischen Genres hinterlassen hat.

Während des Kalten Krieges war die Frage „Wer ist der Böse?“ einfach zu beantworten: Sie war lediglich davon abhängig, auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs man sich aufhielt. ‘Klassenfeind’/ ‘Kapitalist’ und ‘Kommunist’ standen sich mit gigantischen Waffenarsenalen gegenüber und waren überzeugt, sie selbst seien der ‘Gute’ und der andere der ‘Böse’: „The existence of radical evil is clear to anyone not blinded by current relativism. On the world level it expresses itself in the willingness to put the entire planet at nuclear risk.“[2]

Mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Zusammenbruch der UDSSR und weiterer Staaten des Warschauer Paktes war die Welt ein Stück komplexer geworden, der Kommunismus als großes Feindbild war gefallen. Doch es scheint, als ob nicht die Guten gewonnen und die Bösen verloren hätten, sondern nur mehr die Fassade einer vereinfachten Weltanschauung in sich zusammengebrochen ist.[3]

Obgleich Samuel P. Huntington in seinem einflussreichem Werk The Clash of civilisations[4] weiterhin ein Szenario der unversöhnlichen Fronten evoziert, die nunmehr primär religiös und kulturell begründet werden, zeigen gerade die Kontroverse und die vielfältige Kritik an Huntingtons Thesen, dass sich gegenwärtige Soziologen und Kulturwissenschaftler bei ihren Analysen der Weltgesellschaft und Prognosen nicht mehr ohne weiteres mit einfachen binären Oppositionen zufrieden geben.

Diese pointierte Betrachtung genügt selbstverständlich keinen politikwissenschaftlichen Ansprüchen, sie soll hier auch nicht im Fokus der Auseinandersetzung stehen, sondern nur den Anstoß für eine Reflexion über die Repräsentationen des Guten und des Bösen in der zeitgenössischen phantastischen Literatur geben und die mentalitätsgeschichtliche Bezugsfolie bilden.

So geht es im Folgenden um eine literaturwissenschaftliche Betrachtung der neueren und neuesten literarischen Phantastik, die seit der oben skizzierten Umbruchszeit vielfältige Ausprägungen und Weiterentwicklungen erfahren hat. Während der Prototyp der phantastischen Literatur im 20. Jh., für den J.R.R. Tolkien exemplarisch genannt sei, auf einer deutlichen Dichotomisierung des Guten und des Bösen beruht, sind in den jüngsten phantastischen Romanwerken markante Abweichungen von dem genannten Schema zu beobachten. Die Vermutung liegt nahe, solche neueren Entwicklungstendenzen zu einer Auflösung der traditionellen Gut-Böse-Opposition innerhalb des phantastischen Genres mit den oben skizzierten geopolitischen und mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen in Verbindung zu bringen. Die angenommene signifikante Verschiebung im Genrekonzept des Phantastischen soll im Folgenden exemplarisch anhand der Metropolen-Romane[5] von Christoph Marzi, einem produktiven Vertreter der deutschsprachigen phantastischen Literatur, nachvollzogen werden. Anschließend werden die Erkenntnisse mit weiteren Texten der zeitgenössischen Phantastik in Verbindung gebracht, um so die Frage beantworten zu können, ob und inwieweit die gewonnenen Ergebnisse verallgemeinerungsfähig sind und eine deutliche gattungsrelevante Veränderung des Umgangs mit der Relation von ‘Gut’ und ‘Böse’ in der neueren Phantastik zu beobachten ist.



[1] Es handelt sich um die aktualisierte und leicht überarbeitete Fassung meines Vortrags zum gleichen Thema, den ich auf der zweiten Jahrestagung der Gesellschaft für Fantastikforschung in Salzburg am 30. September 2011 gehalten habe.

[2] Jeffrey Burton Russell: Mephistopheles – The Devil in the Modern World. Ithaca et al. Cornell University Press 1988, S. 17.

[3] Der ‚Kapitalismus’ verursacht Hungersnöte für Biosprit, Welt-Wirtschaftskrisen durch Immobilien-Blasen und Kriege für den Zugang zu Öl. Die verbliebenen kommunistischen Staaten unterdrücken ihre Bewohner, inhaftieren regimekritische Künstler und handeln in ihrer Gänze kapitalistischer als es manch Kapitalist sich träumen ließe. Wie sich zeigt, hat das Ende des Kalten Krieges keinen strahlenden Helden hervorgebracht, der die Welt von einem Schrecken befreit hätte, sondern vielmehr nur den Schleier des Systemkonflikts angehoben und die Welt darunter entweichen lassen.

[4] The Clash of Civilazations and the Remaking of World Order. 1993. Vgl. dazu die kritische Stellungnahme von Edward Said: The Clash of ignorance. The Nation. October 2001. Vgl. auch die optimistischere und differenzierte Gegenposition von Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. (dt. Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?), New York 1992.

[5] Christoph Marzi: Lycidas München: Heyne 2004; ders.: Lilith, München: Heyne 2005; ders., Lumen, München: Heyne 2006; ders. Somnia, München: Heyne 2008.

 


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